ENTTÄUSCHUNG

 

Bei einen Ge(h)spräch mit einer Freundin stolperten wir über den Begriff „Enttäuschung“.

Was ist Enttäuschung? Wann tritt sie ein? Was macht sie mit einem?

Ich erinnerte mich, dass meine Lehrcoach einmal zu mir sagte: „Wenn Sie enttäuscht sind, dann haben Sie sich zuvor getäuscht.“ Lange habe ich darüber nachgedacht und tatsächlich, wenn ich enttäuscht bin, dann waren meine Erwartungen „falsch“. Dann habe ich etwas erwartet, was nicht eintrifft. Das wiederum würde bedeuten dass, wenn ich von einem Menschen enttäuscht bin, ich mit dessen Verhalten nicht gerechnet habe, und mich deshalb so darüber gräme. Verhält ein Mensch, von dem ich Negatives erwarte sich so, wie ich sein Verhalten einschätze, dann bin ich vielleicht sauer über sein Tun, wütend, erbost, aber ich bin nicht enttäuscht, da sich meine Erwartungen ja erfüllt haben. Verhält er sich jedoch anders als erwartet, dann bin ich auch nicht enttäuscht, sondern positiv überrascht. Das bedeutet, dass ich nur enttäuscht sein kann, wenn ich zuvor von einem, aus meiner Sicht positiven Verhalten ausgehe, und dieses nicht eintritt.

Was ist denn eine Enttäuschung laut Wikipedia? „Eine Enttäuschung bezeichnet das Gefühl, einem sei eine Hoffnung zerstört oder auch unerwartet ein Kummer bereitet worden.“

Aha, Hoffnung spielt auch noch eine Rolle…

Passt: Eine Hoffnung wird als „positive Erwartung“  beschrieben. Und damit stimmt auch das Vorangegangene: Es können nur positive Erwartungen enttäuscht werden.

Erwartungen werden soziologisch als Annahmen bezeichnet, was ein anderer oder mehrere andere tun würden oder sollten.

Was sie tun würden ist ja das eine… aber was sie tun sollten impliziert doch auch meine Normen und Werte, oder?

Mir fällt dazu das Thema „Trauer“ ein. Wie oft empfinden Angehörige und auch Freunde eine Enttäuschung, wenn beispielsweise eine verwitwete Person nach kurzer Zeit – was auch immer das sein mag – einen neuen Lebenspartner hat. Schnell wird demjenigen aufgrund dessen unterstellt, er habe den verstorbenen Menschen nicht genug geliebt. Doch jeder Mensch hat andere Vorstellungen davon, wie schnell er wieder Interesse an anderen Menschen haben darf. Und häufig wird man von sich selbst überrascht, dass man entgegen seiner eigentlichen Normen empfindet, was zu einer starken Sinnkrise führen kann.

Zurück zur Enttäuschung: Können Sie sich erinnern, wann und worüber Sie das letzte Mal enttäuscht waren?

Manchmal sind es banale Dinge, wie ein geschlossener Blumenladen, von dem man ganz sicher war, dass er noch auf haben müsse. Oder ist das gar keine Enttäuschung? Doch was ist es dann? Meine positive Erwartung, der Laden habe noch geöffnet, ist zerstört worden, was mir eine Art Kummer bereitet. Also doch eine Enttäuschung. Genau wie das Buch, auf welches ich mich so gefreut habe und das dann so langweilig war.

Also selbst schuld, wenn man enttäuscht ist? Durch diese Sichtweise muss ich aber aus meiner Opferrolle heraus… wie unangenehm. Jetzt ist also nicht mehr derjenige, der mir Kummer bereitet hat, schuld daran, dass es mir schlecht geht, sondern ich selbst?

Die Psychologin Doris Wolf schreibt: „Enttäuschungen sind hausgemacht.“  Sie behauptet, dass wir mehr oder weniger selbst verantwortlich für unsere Enttäuschungen sind. Dies sagt auch der Spruch von Ralf Kunke:

„Man ist nicht enttäuscht von dem, was ein anderer tut (oder auch nicht tut), sondern nur über die eigenen Erwartungen an den Anderen.“

Gut! Eine Erkenntnis, die hoffen lässt, dass man Enttäuschungen nicht ausgeliefert sein muss. Denn, je weniger Erwartungen wir haben, desto weniger können wir enttäuscht werden/sein. Der englische Schriftsteller Alexander Pope sagte:

 „Gesegnet ist der, der nichts erwartet, denn er wird nie enttäuscht.“

Ich frage mich jedoch, ob es möglich ist, erwartungsfrei durch das Leben zu gehen. Und wenn es möglich wäre, wäre es dann auch empfehlenswert? Durch meine positiven Erwartungen kann ich doch nur eine Vorfreude haben. Und wie war das? Vorfreude ist die schönste Freude? Positive Erwartungen motivieren uns, sie lassen uns das scheinbar Unmögliche versuchen und geben uns Hoffnung.

Zudem benötigen wir unsere Erwartungen. Sie sind Vorhersagen, die häufig auf unsere Erfahrungen beruhen und uns davor bewahren, permanent alles neu abwägen zu müssen.

Also lassen sich Enttäuschungen wohl nicht vermeiden… Oder nur zu dem sehr hohen Preis, dass man auf Vorfreude und positive Erwartungen verzichtet. Gibt es nicht den Begriff des Zweckpessimisten? Ist das nicht jemand, der von vornherein vom Schlimmsten ausgeht, um nicht enttäuscht zu werden? Aber ist das wirklich eine Strategie, die zu einer guten Lebensqualität beiträgt? Oder müssen wir einfach damit leben, dass wir hier und da enttäuscht werden? Vielleicht gehören Enttäuschungen ja zum Leben dazu?! Und vielleicht kann man einer Enttäuschung ja auch etwas Gutes abgewinnen: Was lerne ich daraus? Was hat sich durch die Enttarnung der Täuschung positiv verändert? Wie kam es zu dieser Fehleinschätzung? Wie realistisch sind meine Erwartungen?

Manchmal sind es auch Gefühle der Vergangenheit, die nicht verarbeitet sind und auf andere Situationen oder Personen übertragen werden. Oft ist es hilfreich, das herauszufinden um für sich zu klären, ob es sich um eine reale „Gefahr“ handelt, oder um eine alte Verletzung, die es zu heilen gilt. Doch dazu ein anderes Mal.

Für den Moment verbleibe ich mit den Worten von Max Planck: „Auch eine Enttäuschung, wenn sie nur gründlich und endgültig ist, bedeutet einen Schritt vorwärts.“

 

Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Vorfreude, ohne Enttäuschungen.

 

Ihre Anja Dittmann